00:00
In dieser Folge geht es um ein schweres Verbrechen. Einige Namen haben wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes abgekürzt oder verändert. Bevor es losgeht, kommen wir aber kurz zu unserer Werbung, mit der wir aufwendige Recherchen wie diese hier finanzieren können.
00:17
Diese Geschichte beginnt mit einem Brief. Er landet im November 2020 bei der Staatsanwaltschaft in Augsburg. Und er wird dort wahrscheinlich für einiges an Aufregung gesorgt haben. Denn es ist nicht nur irgendein Brief. Es ist ein Bekennerschreiben für einen Fall, den die Staatsanwaltschaft schon seit Jahrzehnten zu den Akten gelegt hat.
00:41
Auf zwei Seiten, eng mit Computer beschrieben, erzählt die Person von einem alten Verbrechen aus den 80er Jahren. Ein Mädchen aus einem bayerischen Dorf, das auf dem Heimweg entführt wurde. Ursula. Das Mädchen in der Kiste. Und obwohl diese Geschichte zu diesem Zeitpunkt fast 40 Jahre zurückliegt, ist dieses Verbrechen bis heute ein Rätsel. Denn kaum eine Tat in Deutschland war so grausam wie dieser Fall.
01:13
Und in kaum einem anderen Fall ist so viel schiefgelaufen. Fast 5000 Hinweisen wurde nachgegangen.
01:22
20.000 Fingerabdrücke verglichen, 100 Gutachten erstellt. Am Ende füllten allein die Spurnackten zwölf Stahlschränke. Die Polizei schreibt in einer Mitteilung, im Rahmen ihrer Ermittlungen kamen die Beamten zu dem Schluss, die Tat habe so langwierige und umfangreiche Vorbereitungen erfordert, dass sie kaum unbemerkt hätte bleiben dürfen.
01:45
Das Problem ist nur, dass genau das passiert war. Es wurde nichts bemerkt.
01:51
Weder wie die Tat vorbereitet wurde, noch wie sie genau durchgeführt wurde.
01:56
Und auch nicht, wer dahinter steckte. Die Ermittlungen zogen sich hin. Viele Spuren führten ins Nichts. Und dann geriet der Fall aus dem Fokus der Polizei. Und auch langsam in Vergessenheit.
02:11
Aber nun scheint es, als könnte sich mit diesem Brief das Blatt wenden, falls es denn wirklich die Wahrheit ist, die da drin steht. Das Schreiben liegt uns vor. Und es beginnt so.
02:26
Sehr geehrte Damen und Herren, ich wende mich im Fall Ursula Herrmann an Sie, um meiner Seele für immer Ruhe zu verschaffen. Ich habe mit einem Mitschüler diese Tat begangen und bin unendlich traurig, derartiges geplant und vollzogen zu haben. Meinen unerträglich gewordenen Ängsten vor Entdeckungen, die mich seit nunmehr 39 Jahren verfolgen, beuge ich mich nun und werde meinem Leben nun selbst ein Ende setzen. Ich bedauere zutiefst, Ursula all dies angetan zu haben.
02:52
Die Person erklärt, wie sie die Entführung geplant und durchgeführt haben soll. Dass sie mit der Schuld nicht mehr leben will. Und zum Schluss eine Unterschrift. Das ist der Name, den wir überpiept haben. Die Staatsanwaltschaft Augsburg prüft im November 2020, ob dieser Brief echt ist. Und sie machen das sehr eilig und sorgfältig.
03:14
Denn falls da wirklich nur ein Hauch von Wahrheit dran sein sollte, wäre das ein ziemlicher Skandal. Die Sache ist nämlich, 2010 wurde bereits ein Mann verurteilt. 29 Jahre nach der Tat. Und zwar in einem kontroversen Indizienprozess, der selbst den Bruder der kleinen Ursula, Michael Herrmann, nicht ganz überzeugt hat.
03:40
Er sagte damals, jetzt haben wir einen Verurteilten, aber keinen Täter. Und so viel sei gesagt, der Verurteilte ist nicht die Person aus dem Brief.
03:57
Die Information, dass es diesen Brief überhaupt gibt, ist also ziemlich brisant. Falls diese Information wirklich stimmt, wäre das noch krasser. Die Staatsanwaltschaft hält sich also erstmal bedeckt. Nur wird der Brief nicht nur an die Staatsanwaltschaft geschickt, sondern auch an die Presse.
04:15
Und über Umwege landet er auch irgendwann auf dem Schreibtisch einer Journalistin. Also mein Name ist Christa von Bernhut. Ich bin Journalistin und Autorin.
04:26
Und ich beschäftige mich mit diesem Fall seit dem Jahr 2019.
04:32
Es gibt nur wenige Leute, die sich mit dem Fall von Ursula Herrmann so gut auskennen wie Christa von Bernuth. Wahrscheinlich, weil auch nur wenige Menschen sich so eingearbeitet haben wie sie. Die Aktenordner, die sie mit den Jahren dazu angesammelt hat, decken eine ganze Wand ab. Wie viele Unterlagen das genau sind, kann sie nur schätzen.
04:56
Also ich habe mich noch nie mit einem Fall so lange beschäftigt wie mit diesem. Und noch nie war ich so voller Hoffnung 2019, dass wir doch noch die Wahrheit rausfinden, also zweifelsfrei die Wahrheit rausfinden.
05:11
Während die Staatsanwaltschaft Augsburg im November 2020 also prüft, ob an dem Brief was dran ist, sitzt Christa von Bernuth knapp 60 Kilometer weiter in ihrer Wohnung in München. Sie schreibt dann ein Buch über den Fall Ursula Herrmann. Sie schreibt dieses Buch nicht nur, weil es einer der berühmtesten Kriminalfälle Deutschlands ist, sondern weil sich Michael Herrmann an sie gewendet hat, also der Bruder von Ursula.
05:37
Die beiden teilen das leise, nagende Gefühl, dass vielleicht jahrelang der falsche Mann verfolgt und verurteilt wurde und der wahre Täter jemand ganz anderes sein könnte. Nur das zu beweisen, ist das Problem.
05:51
Also jetzt sagen wir mal so, ich habe immer noch die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass irgendjemand redet. Das wäre so wahnsinnig wichtig. Ich habe es immer noch nicht ganz aufgegeben, aber es wird immer unwahrscheinlicher und unwahrscheinlicher und unwahrscheinlicher. Also das ist eigentlich im Grunde genommen, ist das unsere letzte Hoffnung. Also ist dieser Podcast die letzte Hoffnung.
06:13
dass da noch irgendwas passieren könnte.
06:16
Der Grund, weshalb Christa von Bernuth sich so für diesen Fall engagiert, ist unter anderem das Urteil. Es gab nämlich keine stichhaltigen Beweise. Nur eine Kette aus Indizien, die schließlich einen Mann hinter Gitter brachten.
06:32
Eine Kette, die Christa und auch Michael Herrmann für nicht wirklich stabil halten. Von der Justiz kann sie bei der Recherche keine Hilfe erwarten. Mit dem Urteil hat die Staatsanwaltschaft einen Haken dran gemacht. Für sie ist der Fall geklärt. Also bleibt Christa nur der Weg, die Informationen von Michael Herrmann zusammenzutragen, selbst weiter zu recherchieren und ihre Spur schließlich in einem Roman darzulegen.
07:02
Sie wird diesen Roman als fiktiv betiteln, auch wenn sie es nicht für völlig unmöglich hält, dass sie da eigentlich gerade die Wahrheit aufschreibt. Als sie gerade das letzte Kapitel schreibt, weiß Christa nicht, dass die Staatsanwaltschaft ein Bekennerschreiben bekommen hat. Das erfährt sie erst einige Zeit später. Sie weiß also auch nicht, dass es da einige auffällige Parallelen zwischen dem Buch und dem Brief gibt. Die Spur, die sie in ihrem Buch verfolgt, führt zu einer Person.
07:33
Eine ganz andere Person als der Verurteilte. Jemand, dessen Name all die Jahre nicht im Kreis der Verdächtigen aufgetaucht ist. Oder überhaupt irgendwo in der Öffentlichkeit.
07:47
Naja, jedenfalls bis zu diesem Brief.
08:00
Mein Name ist Leonie Bartsch. Und ich bin Lin Schütze. Und das ist Tiefe Spuren unter der Erde.
08:08
Eine Recherche von Of X Productions, veröffentlicht bei Mord of X. Tiefe Spuren sind Spezialfolgen von Mord of X, in denen wir aufwendige Recherchen erzählen. Immer wieder wollen wir euch von einem dieser Fälle ausführlich berichten.
08:25
Ihr werdet die Protagonistinnen und Protagonisten der Fälle zum Teil selbst hören. Und wir sind vor Ort auf Recherche. Auf ihren Spuren.
08:35
Du hörst die erste von insgesamt zwei Folgen. Danach geht es auf diesem Kanal ganz normal mit Mord of X weiter.
08:44
Bei Tiefe Spuren recherchieren wir Fälle, bei denen uns Leute aus dem Umfeld eines Verbrechens schreiben.
08:50
So ist es auch dieses Mal. Der Hinweis kommt direkt aus unserem eigenen Team. Der Vater unserer Redakteurin hatte eine alte Klassenkameradin.
08:59
Christa von Bernhut.
09:01
Als Jugendliche waren die beiden auf einem Internat am Ammersee. Und kurz nachdem die beiden Abitur gemacht haben, ist dort, nur wenige Minuten von ihrer Schule entfernt, ein Verbrechen passiert. Der Vater unserer Redakteurin schreibt, seine Schulfreundin ist heute Journalistin und Autorin. Und der Fall beschäftigt sie noch immer, ob wir uns nicht mal mit ihr unterhalten wollen. Als uns die Kollegin also von dem Fall erzählt, kommt uns einiges schon bekannt vor. Denn es ist einer der bekanntesten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte.
09:33
Ursula Herrmann, das Mädchen in der Kiste.
09:37
Die Menschen, wo so ein gewisser Verdacht da ist, die berühren sich nicht.
09:43
Heute macht mir das besonders Angst, weil ich wirklich sagen muss, dort würde nie jemand nachts parken.
09:49
Wenn Sie die Polizei in das Fall einschalten oder wenn Sie nicht zahlen, wir werden dem Entführter töten.
09:55
Das erste Gefühl war, endlich haben Sie das Schwein.
09:58
Ich sage immer, das Urteil war fertig, bevor überhaupt der Prozess losgegangen ist.
10:40
Ich kenne den Ort des Geschehens. Schließlich wohne ich, als wir diese Recherche beginnen, selbst noch in München. Der Ammersee liegt im Westen der Stadt und ist einer dieser idyllischen Orte in der Umgebung. Ich fahre gerade mal 30 Minuten mit dem Auto aus der Stadt, um mich hier mit Christa zu treffen. Genauer gesagt in Schondorf, ein kleiner Ort am Ammersee. Dort, wo die Geschichte von Ursulas Entführung begonnen hat.
11:10
Es ist ein warmer Sommertag mit strahlend blauem Himmel. Christa hat ein Lokal direkt am Ufer vorgeschlagen. Auf der Terrasse essen die Gäste Backfisch oder löffeln ein Eis. Man kann auf den See schauen, wo kleine Boote über das Wasser gleiten und Hunde mit ihren Besitzern an einer Badestelle planschen. Als ich ankomme, ist Christa schon da.
11:37
Sie trägt eine markante dunkelgraue Brille. Ihr Gesicht ist von dunklen, gewundenen Locken umrahmt, die ihr bis zur Schulter gehen. Mit ihrem Look könnte sie auch locker eine hochkarätige Galeristin sein.
12:00
Während wir am See entlang spazieren, erzählt mir Christa von sich. Als Journalistin hat sie eigentlich alle Sachen gemacht, die man so machen kann. Sie hat Reportagen geschrieben, Bücher rezensiert und Stars interviewt.
12:14
Eine große Leidenschaft ist aber die Liebe zu Kriminalgeschichten.
12:19
Neben den Romanen hat sie als Reporterin auch wahre Fälle bereits aus dem Gerichtssaal gecovert. Und die waren teilweise echt krass. Da war mal die Geschichte eines Stalkers, der sein Opfer bis in den Tod getrieben hat. Oder ein junger Mann, der seinen Freund und dessen Eltern erschossen hat und das alles auch noch gefilmt hat. Christa sagt, manchen Leuten sieht man es einfach nicht an, auch wenn sie die schlimmsten Dinge getan haben.
12:48
Während ich aufs Wasser schaue, denke ich mir, das trifft auch irgendwie auf diesen Ort hier zu. Der Ammersee mit seinen schönen Villen und dem glitzernden Wasser ist so idyllisch, sowas findet man selten. Aber gleichzeitig ist da ein sehr unheimliches Gefühl, weil man sich echt nicht vorstellen kann, dass ausgerechnet hier so ein Verbrechen passiert.
13:12
Das denkt man einfach nicht. In der Sonne, die durch die Bäume scheint. Mit den vielen Spaziergängern und den Radlern, die das schöne Wetter genießen. Aber es ist eben doch passiert. Vor 44 Jahren.
13:34
Jetzt pass auf. Wir gehen jetzt erst mal da kurz hin. Weil sie von da losgefahren ist wahrscheinlich, ne? Genau.
13:43
Wir gehen eine schmale Straße entlang durch eine Wohngegend. Die hübschen Gärten sind mit Hecken umrahmt. Ein älteres Paar putzt schon mal den Grill, passend zur Sommerhitze. Ich kann mir gut vorstellen, wie Kinder hier einfach über die schmale Straße rennen und ihre Freunde zum Spielen aus dem Haus klingeln. Oder einfach über den Garten schreien. In dieser Gegend wohnten Osulas Verwandte, erzählt mir Christa. Tante, Onkel und ihre Cousine.
14:12
Hier war die kleine Ursula zum Spielen verabredet. Sie waren die Letzten aus der Familie, die Ursula lebend gesehen haben.
14:34
Aber fangen wir mal ganz vorne an. An dem Tag, an dem Ursula verschwindet.
14:40
Der 15. September 1981 ist ein Dienstag und als Ursula an diesem Morgen aufsteht, ist sie ziemlich aufgeregt. Heute ist nämlich ihr erster Schultag im Gymnasium.
14:54
Grundschule ist vorbei und darüber freut sie sich. Mit ihren Mitschülern hat sie sich nämlich nicht so gut verstanden. Ursula ist zehn Jahre alt. Es gibt ein Foto von ihr, das später in vielen Zeitungen gedruckt wird. Darauf sieht man ein eher zierliches Mädchen mit Parschenschnitt.
15:13
Mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern wohnt Ursula in Eching, das ist ein Nachbarort von Schondorf. Sie ist die Jüngste, das Küken. Und als kleine Schwester muss man eben so manches erdulden. Am Morgen des 15. September radelt sie mit ihrem Bruder zur Haltestelle, wo der Schulbus abfährt.
15:38
Aber der große Bruder, wie große Brüder manchmal so sind, tritt richtig in die Pedale und radelt ihr davon. Sie muss den Rest also allein fahren. Und als sie ankommt, steht sie allein vor mehreren Schulbussen und ist zu schüchtern, um zu fragen, in welchen sie einsteigen muss. Ursula ist von der Situation überfordert, also fährt sie weinend wieder nach Hause.
16:04
Aber zum Glück ist noch der älteste Bruder Michael da. Sein Kumpel hat ein Auto und nimmt die beiden mit ins Gymnasium nach Landsberg. Und Ursula hat noch mehr Glück. In der Klasse freundet sie sich mit einem Mädchen an, das aus dem gleichen Dorf kommt. Und auch noch im gleichen Turnverein ist wie sie. Dort will Ursula nach der Schule hin. Die Turnstunde fängt um 17.30 Uhr in Schondorf an. Davor muss Ursula noch ihre Cousine Sibylle abholen. Sie kommt auch mit.
16:39
Um pünktlich zu sein, schnappt sie sich etwa um 17 Uhr ihr rotes Fahrrad und radelt von Eching nach Schondorf. Und am einfachsten geht das über einen Weg, der die beiden Dörfer verbindet und den die Leute hier den Weingarten nennt.
16:53
Der Weg liegt etwas weiter weg vom Wohngebiet, in dem ich eben mit Christa war und führt direkt am Westufer des Sees entlang. Warum der Weingarten so genannt wird, weiß keiner. Rebstöcke sehe ich hier nämlich nirgendwo. Aber den Weingarten kennt man als Anwohner, denn viele benutzen ihn als Abkürzung.
17:15
Was den Weingartenweg besonders macht, ist, dass du zu Fuß oder mit dem Rad oft schneller von Schondorf nach Eching kommst und zurück als über eine Straße. Weil die Straße, das ist ein Riesenumweg. Da musst du wirklich von Eching aus über DB12 damals fahren und dann kamst du erst nach Schondorf. Sodass ganz viele Leute, die von Schondorf nach Eching mussten, mit dem Rad hier durchgefahren sind. Weil das geht viel schneller.
17:44
Jetzt sehen wir es direkt.
17:47
Genau, jetzt sehen wir es direkt. Genau, genau.
17:51
Also viel befahrene Straße, auch schon damals?
17:54
Also ja, durchaus. Also mit Radlern und auch mit Spaziergängern. Spaziergänger waren hier viele unterwegs. Ja, allerdings nicht so viel wie heute. Also heute ist es ja tatsächlich fast schon wie eine Rennstrecke. So viele waren es nicht.
18:09
Der Boden ist nicht asphaltiert, er ist mehr oder weniger naturbelassen und dadurch natürlich auch hier und da ein bisschen holprig. Es sind auch einige Spaziergänger unterwegs. Alle sehr friedlich. Warum ich das frage oder darüber nachdenke, ist...
18:29
Der Ort, wo man eine Mädchen entführt, sollte ja eigentlich recht ruhig sein. Also abgelegen, isoliert, bestenfalls wirklich im Wald. Und ich weiß nicht, wie dieser Weg jetzt weitergeht und wo es genau passiert ist, sehen wir gleich. Aber der Anfang hier zumindest wirkt belebt. Allein schon, weil hier halt drei Häuser jetzt schon stehen.
18:49
Wir gehen jetzt mal weiter. So geht es nicht weiter, aber es wird durchaus noch verlassener und ruhiger.
18:58
Ein paar Minuten weiter sieht es da schon ganz anders aus. Ich halte mal ganz kurz fest, wir sind jetzt so fünf bis zehn Minuten gelaufen und hier ist es schon ganz anders. Also hier sind keine Häuser mehr, hier ist kein Tennisplatz, hier ist es ruhig, man hört die Vögel, man ist mitten im Wald und hier kann sowas meinem Empfinden nach schon eher passiert sein. Jetzt sieht es wirklich aus wie ein umwachsener Waldweg.
19:28
Von Häusern und Autos ist nichts mehr zu sehen und auch nicht zu hören. Nur die Natur. Die Sonne schimmert durch die saftig grünen Baumkronen. Es hat etwas richtig Märchenhaftes hier. Die Bäume stehen dicht an dicht. Aber es sind keine dicken Stämme, die einem die Sicht verdecken. Man kann also tief hineinsehen in den Wald. Auf der anderen Seite schimmert das Blau des Ammersees.
20:12
Hier irgendwo, tief im Waldboden vergraben, ruht damals, im September 1981, eine Kiste. Wenn man nicht weiß, dass sie da ist, sieht man sie auch nicht. Denn die Kiste ist gut versteckt. Jemand hat sie in ein Loch gehoben, mit Erde verdeckt und eine Grassorte drüber gestreut, die schnell sprießt.
20:34
Drumherum wurden noch ein paar junge Fichten gepflanzt, sodass die Stelle sich an den Rest des Waldes anpasst. Zu diesem Zeitpunkt liegt die Kiste schon seit mehreren Wochen hier. Man kann sie sich ein bisschen vorstellen wie eine hohe Mülltonne, nur aus Holz.
20:51
72 x 60 cm misst die Grundfläche und sie ist 139 cm hoch. Obendrauf ist ein abnehmbarer Deckel. Außen an der Kiste befindet sich ein Rohrsystem. Ein Ende führt in die Kiste und das andere ins Freie, was für Frischluft sorgen soll.
21:12
Innen befindet sich eine Sitzbank mit einer kleinen Aussparung. Darunter ein mit Wasser gefüllter Toiletteneimer. Trinkwasser und eine Schachtel mit Keksen gibt es auch. Genau wie ein paar Western-Romane und Comic-Hefte, die man im schwachen Schein eines Lämpchens lesen könnte, das von einer Autobatterie betrieben wird. Auch ein altes Radio ist da. Die Kiste ist so groß und schwer, dass man sie allein nicht wirklich schleppen kann.
21:40
Deshalb liegt es nahe, dass nicht nur eine Person diese Tat vorbereitet hat. Nach der Turnstunde fährt Ursula mit ihrer Cousine nach Hause, unten an der Seepromenade. Sie bleibt zum Abendessen, obwohl es schon spät ist. Eigentlich hat ihre Mutter auch verboten, dass Ursula erst so spät nach Hause kommt.
22:11
So um Viertel nach sieben wundert sie sich zum ersten Mal, wo ihre Tochter bleibt. Der Vater ruft bei Sibyllis Eltern an. Die Cousinen spielen noch zusammen. Aber der Onkel verspricht, dass er Ursula gleich nach Hause schickt.
22:27
Zu diesem Zeitpunkt haben der oder die Täter ein Draht in über zwei Meter Höhe zwischen den Bäumen gespannt. Er ist 1,40 Meter lang und grün ummantelt, damit er schwer zu erkennen ist. Dieser Draht wird noch wichtig werden, denn er dient vermutlich zur Kommunikation oder als Warnanlage.
22:51
Der oder die Täter beobachten jetzt den Weingarten mit einem Fernglas. Ihnen fehlt nur noch das richtige Opfer. Um 20 vor 8 leiht sich Ursula eine Schafwolljacke, weil es draußen doch schon ein bisschen kühler ist. Dann steigt sie auf ihr rotes Fahrrad und radelt das kurze Stück über die Seestraße hinein in den Weingarten.
23:20
Hier wird die kleine Ursula verschwinden.
23:36
Ich würde sagen, so eine halbe Stunde bis eine Stunde später haben meine Eltern gesagt, da stimmt was nicht, wir müssen sofort suchen, nachdem eben der Anruf getätigt wurde und dass sie eine Stunde lang losgefahren ist.
23:47
Das ist Michael Herrmann, der große Bruder von Ursula. Heute ist er 63 Jahre alt. Mit der Zeit ist er zu einer Art Fürsprecher der Familie geworden und vertritt die Hermanns in der Öffentlichkeit. Wobei er das seit einigen Jahren nicht mehr so gerne tut. Eigentlich hatte Michael Hermann bereits gesagt, dass er keine Interviews mehr geben will. Auch uns hatte er zunächst abgesagt. Ein Jahr lang haben wir danach nichts mehr von ihm gehört. Aber dann entscheidet sich Michael Herrmann nochmal um.
24:22
Weil er sich auch durch diesen Podcast neue Hinweise erhofft, macht er noch eine Ausnahme und erzählt die Geschichte nochmal aus seiner Perspektive.
24:32
Im September 1981, als alles passiert ist, ist er gerade erst volljährig geworden.
24:39
Und ich war damals bei einem guten Freund und wir sind dann dort eben telefonisch benachrichtigt worden, dass womöglich irgendwas Schlimmes passiert ist. Wir sollen bitte sofort kommen und das heißt, ich habe das relativ schnell davon erfahren.
24:52
Der gute Freund, den Michael Herrmann hier meint, heißt ebenfalls Michael. Die beiden Michaels verbindet die Leidenschaft für Musik. Später wird Michael Herrmann Lehrer für Religion und Musik und sein Freund Michael Hofsteter ein erfolgreicher Dirigent. Damals stehen sie aber noch ganz am Anfang ihrer Karriere.
25:13
Sie bereiten sich aufs Studium vor. An jenem Abend treffen sich die beiden bei Michael Hofstetter zu Hause, um Klangbilder und Gehörbildung zu üben. Zur Stärkung hat Ursulas Mutter ihrem Sohn noch Zwetschgendatschi mitgegeben, also einen klassisch bayerischen Pflaumkuchen.
25:31
Die beiden Jungs sitzen zusammen und üben. Bis um halb neun auf einmal das Telefon klingelt. Wir haben auch mit dem Freund Michael Hofstetter gesprochen, der diesen Moment so in Erinnerung hat.
25:44
Und wir saßen tatsächlich in dem Moment am Tisch mit Zwetschgendatsche und was zu trinken und das Telefon klingelt und ich gehe hin und bis zu der Sekunde ist alles vollkommen unbefangen. Einfach, die Welt ist in Ordnung, so wie sie immer war. Und ich gehe ins Telefon und ich hebe den Hörer ab und eigentlich denkt man ja, das Telefon überträgt physikalisch nur die Stimme, aber in der Erinnerung habe ich den Eindruck, das Telefon überträgt auch die Emotionen. Denn das war wirklich Panik, die durch den Hörer spürbar, erlebbar war.
26:20
Also wirklich flackernde Panik. Und es war Michas Mutter. Und sie sagte, der Micha muss sofort heimkommen. Mit der Ursula ist was, mit der Ursula ist was. Die kam nicht nach Hause und da ist was nicht in Ordnung. Und ich gab natürlich sofort den Hörer an den Micha. Und ich konnte seine Mutter auch noch durch den Hörer, also hindurch dann, also hören. Die war verängstigt und wirklich in Panik. Und der Micha wollte sie noch trösten, hat noch gesagt, pass mal auf, das wird nicht so schlimm sein, die Ursula, die trifft doch immer mal jemand zum Spielen oder so und die kommt dann schon.
26:52
Und so war das ja auch im Dorf, also niemand hätte je was Übles geargwöhnt, die Leute kannten sich untereinander, es war selbstverständlich, dass man miteinander rascht am Gartenzaun oder sonst wo. Also das, was der Micha auch seiner Mutter gesagt hat, um sie zu trösten oder um ihr diesen Horror in dem Moment einfach zu mildern oder zu nehmen, das ist auch ganz richtig, so wäre das eigentlich alles zu erwarten gewesen, aber seine Mutter ließ sich auch nicht beirren. Ich sage, nein, nein, ich spüre es, ich spüre es, da ist was, der Micha muss sofort heim.
27:23
Jetzt bin ich also ins Auto und der Micha sofort runtergefahren.
27:27
Michael Hofstetter zögert nicht lange und fährt sein Freund jetzt sofort nach Hause. Die Familie Herrmann wartet schon, spricht sich kurz ab und schwärmt dann gleich aus. Michael Herrmann schließt sich dem Suchtrupp an.
27:40
Dann kam aber auch schon die Polizei dazu, was dann so alles passiert ist. Das entzieht sich auch ein bisschen meiner Kenntnis, weil ich dann so ein bisschen im Nebel verschwunden bin gedanklich. Also ich kann mich an nur sehr wenig erinnern, aber ich kann mich an das Rufen erinnern. Also dass viele Leute den Namen meiner Schwester gerufen haben, das habe ich noch ein bisschen im Kopf. Und dann natürlich, dass durch die Tatsache, dass bis nach Mitternacht wir gar nichts gefunden haben und dann unverrichtete Dinge nach Hause gehen mussten, das war schon sehr beklemmend.
28:09
Während Michael Herrmann mit seiner Familie die Gegend durchkämmt, bleibt sein Freund Michael Hofstetter im Haus der Herrmanns am Telefon.
28:18
Ich habe gesagt, ich bleibe jetzt am Telefon und warte mal ab, ob jemand anruft. Wir haben ja immer gehofft und erwartet, vielleicht meldet sich jemand und sagt, Mensch, die Ursula ist bei uns. Sodass sich alles in dem Moment noch in Wohlgefallen auflöst. Also an diese Hoffnung hat man sich geklammert in dem Moment. Aber natürlich war die Situation eigentlich eine entsetzliche Situation.
28:41
Aber niemand meldet sich. Kein Nachbar, keine Bekannten, niemand hat Ursula gefunden. Doch noch am selben Abend, während die Familie immer noch nach Ursula sucht, hat Hofstetter ein unheimliches Erlebnis.
28:55
Ich saß eine Zeit lang, vielleicht eine Stunde oder so am Telefon und ich hatte dann an dem Abend noch eine andere Verabredung. Und ich holte eine gemeinsame Freundin, die auch dort im Weingarten lebt, also auch ganz nah letztlich an Hermanns Haus, von einer Party ab. Die war auf einer Feier und ich holte sie mit dem Auto ab und wir fahren eine Abkürzung zurück.
29:23
Diese Abkürzung ist ein Feldweg, den eigentlich nur Anwohner kennen. Ortsfremde haben hier nichts verloren und schon gar nicht nachts um elf. Und doch ist da jemand, sagt Michael Hofstetter.
29:41
Und plötzlich steht, wir sind ungefähr auf halber Strecke zwischen der Teerstraße und dem Haus, steht dort am Straßenrand, also an diesem Wegrand, wo er sonst nie ein Auto fährt, steht ein Wagen.
29:56
Und ich sage, um Gottes willen, siehst du, da vorne steht ein Auto. Meinst du nicht, dass das komisch ist? Da fahren wir jetzt und schauen zumindest die Nummer an. Also wir wollten erst schon gleich umkehren, weil wir sofort so beklommen waren und sagten, nee, nee, wir müssen unbedingt die Nummer. Und mal gucken, was da ist, ja. Und dann standen wir so mit unserem Licht auch Richtung Heck von dem anderen Wagen. Das Auto war dunkelgrün. Hatte wie so ein Kombi hinten so eine Ladefläche.
30:25
Das Kennzeichen stammt aus einer benachbarten Kreisstadt, Fürstenfeldbruck. Es ist zu dunkel, um mehr zu erkennen. Aber Hofstetter glaubt, eine oder zwei Personen zu sehen.
30:39
Und meine Erinnerung war, dass ich auch im Auto Schatten gesehen habe, wo ich gesagt habe, da sitzt jemand am Lenkrad oder da sitzt jemand auf dem Beifahrersitz.
30:48
Aber das war alles wirklich im Schatten. Also es war ganz Nacht, außer eben Sternenlicht, keine Beleuchtung dort. Es war ja keine Straße, da fuhr niemand. Das war nur eine private Zufahrt letztlich.
31:04
Michael Hofstetter und die Freundin trauen sich aber nicht auszusteigen. Stattdessen wenden sie und fahren weg.
31:13
Auf der Bundesstraße zwischen Eching und Schondorf werden sie dann überholt von einem dunkelgrünen Kombi. Genau das Auto, das sie eben beobachtet haben.
31:24
Also ich sag mal, der ist davon gerast. Und als wir nach Echingensdorf reinfuhren, gleich nach 100 Metern, stand da schon jemand, ein offizieller, ich kann jetzt gar nicht mehr sagen, war das Feuerwehr, war das Polizei, es war jedenfalls jemand in Uniform, nicht jetzt nur ein Passant. Und wir sind sofort hin und haben gesagt, wissen Sie, was wir beobachtet haben? Dieses Auto dort, diese Autonummer, bitte kümmern Sie sich da drum.
31:49
Ja, damit dachte ich, wir hätten alles richtig gemacht. Mein Eindruck ist, dass diese Spur jedenfalls an dem Abend nicht weiter verfolgt wurde.
31:59
Er hat auch viele Jahre später nochmal mit der Freundin darüber geredet, die in genau der Ecke wohnt und die Gegend kennt wie ihre Westentasche. Und die Freundin habe gesagt, dort, wo das grüne Auto stand, das war der nächstmögliche Punkt zur Kiste, zu dem man mit dem Auto kommen könnte.
32:18
Also im Nachhinein muss ich sagen, ich gehe davon aus, dass die Person, der wir das gemeldet hat, sich nicht mehr wirklich darum gekümmert hat oder es nicht so weitergegeben hat, dass andere sich darum kümmern. Meines Erachtens blieb diese Spur zunächst gar nicht weiter verfolgt. Heute macht mir das besonders Angst, weil ich wirklich sagen muss, dort würde nie jemand nachts parken, Das ist so gut wie ausgeschlossen, das war absolut singulär, deshalb sind wir sofort so ein bisschen in Panik gewesen, als wir das gesehen haben.
32:56
Die Tatsache, dass der davon gerast ist mit dieser Geschwindigkeit, die Tatsache, dass es ein Auto war mit einer Heckklappe, in der man eben etwas, was 1,80 Meter lang ist, gut verstauen kann.
33:09
Alles spricht eigentlich dafür, dass man genau an dem Abend, und zwar sofort, als wir es gemeldet hatten, dort hätte hinschauen müssen. Wenn die Spur von den Leuten zu dieser Kiste hingeführt hat, die nur wenige Meter von dem Auto entfernt vergraben war, dann hätte man in dem Moment die frischen Fußspuren im Schlamm verfolgen können müssen.
33:36
Michael Hofstetter hilft später auch beim Suchen. Seit halb neun abends ist die Polizei voll eingeschaltet. Das Waldgebiet brodelt nur so von Leuten. Eine Hundertschaft an Einsatzkräften, inklusive Feuerwehr und einer Polizeihundstaffel, ist im Weingarten unterwegs und dreht jedes Blatt um. Mittlerweile hat das Wetter umgeschlagen. Es ist stockdunkel, kalt und es regnet.
34:05
Die Einsatzkräfte stapfen durch den Wald, bis um Viertel nach elf ein Hundeführer ein rotes Fahrrad findet. Ein Kinderrad der Marke Steiger. Es liegt ungefähr 300 Meter von der Echinger Grenze des Weingartenwegs entfernt. Ursulas Fahrrad. Nur gut 300 Meter von ihrem Zuhause entfernt. Spätestens jetzt wird allen Beteiligten klar, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.
34:34
Was leider niemand sieht, ist der kleine Trampelfahrt ganz nah am Fundort von Ursulas Fahrrad, den jemand ins dichte Unterholz geschlagen hat. Er führt direkt zur Kiste. Und so bleibt der Familie nichts anderes übrig, als die Hoffnung, dass Ursula verschleppt wurde, aber am Leben ist und dass sich bald jemand meldet.
35:04
Tag 1 nach Ursulas Verschwinden. Die Suchaktion wird ausgeweitet. Überall aus der Umgebung werden Polizisten herangezogen, um zu helfen. Einige sind bei den Hermanns zu Hause postiert, falls sich jemand meldet. Bald suchen Taucher den Ammersee ab und ein Hubschrauber kreist über der Gegend.
35:26
Im Rundfunk läuft frühmorgens eine Vermisstenanzeige, welche die Polizei noch in der Nacht herausgegeben hat. Aber es wird ein völlig anderer Ort genannt. Darin heißt es, dass Ursula aus Diesen kommt, also 13 Kilometer von Eching entfernt. Die Meldung wird erst um 9 Uhr berichtigt. Aber kein Zeichen.
35:53
Doch das ändert sich am zweiten Tag. Das Telefon klingelt. Ursulas Mutter hebt ab. Und nach einem Knistern hört man nur das. Und nach einer kurzen Pause noch mal.
36:15
Fast jeder aus Bayern kennt diesen Jingle. Es ist die Melodie von Bayern 3 Verkehrsfunk.
36:21
Über die Jahre hat sich der Jingle ein bisschen verändert.
36:34
Aber am Telefon der Hermanns klingt der Jingle dumpf und knisternd, wie von einem alten Plattenspieler.
36:42
Und das ist auch nicht der einzige Anruf dieser Art. Wenige Stunden später klingelt das Telefon erneut. Wieder das Gleiche. Der Jingle und dann wird aufgelegt. Und so geht das immer wieder, den ganzen Tag. Die Familie und die Polizei können sich daraus keinen Reim machen. Es ist ein Kommunikationsversuch oder purer Psychoterror.
37:11
Meine Eltern wussten nicht, was das soll, warum da jetzt jemand so komisches Signal verwendet, aber nicht spricht. Dazwischen hat man noch ein bisschen die Knackse gehört.
37:19
Es gibt ein weiteres Problem, außer dass auf der anderen Seite der Leitung niemand spricht. Die Polizeidienststelle hat keine Möglichkeit, den Anruf zurückzuverfolgen. Dazu braucht man ein spezielles Fangschaltungsgerät.
37:35
Doch die einzige Fangschaltung weit und breit steht bei einem Rechtsanwalt, dessen Töchter mit anonymen Anrufen belästigt werden. Aber der Anwalt gibt das Gerät nicht heraus und die Polizei zwingt ihn auch nicht dazu. Es dauert aber nicht lang, bis die Hermanns erfahren, was es mit den Anrufen auf sich hat.
37:56
Am nächsten Tag, das war der Freitag, war es dann klar, weil da kam dann dieses erste Erpresserschreiben bei uns an. Und in diesem Erpresserschreiben stand drin, dass sie sich mit einem Pfeifton melden würden. Und dann wussten meine Eltern natürlich die Kripo genauso, aha, das ist wohl dieser Pfeifton. Und das war also damals wirklich ein großes Rätsel, warum die sich dort melden. Und es war auch noch ein Rätsel, warum das Erpresserschreiben erst am Freitag kam und die am Donnerstag schon angerufen haben. Also irgendwas ist da überhaupt nicht planmäßig gelaufen.
38:26
Dieses Erpresserschreiben, das Michael Herrmann meint, kommt am dritten Tag nach Ursulas Verschwinden um 12 Uhr mit der Post. Damit ist jetzt klar, Ursula wurde entführt.
38:39
Aber als die Hermanns den Brief lesen, ist der Inhalt auch irgendwie komisch.
38:44
Das Erpresserschreiben war in mehrfacher Hinsicht verstörend, weil dort ewig lang in Zeitungsschnipseln mühsam ausgeschnitten ein Text stand, der viele Dinge beinhaltet hat, die eigentlich gar nicht wichtig sind. Also wenn es um eine Entführung geht, geht man davon aus, dass die Erpresser irgendwie Geld wollen und das möglichst unkompliziert. und gefahrlos irgendwie übernehmen wollen, aber sich nicht verkünsteln, indem sie hier so tun, wie wenn sie ganz tolle Verbrecher wären, die toll aus der Zeitung Dinge ausschneiden können.
39:15
Also das war wirklich alles andere als, aha, wir werden erpresst, sondern was passiert hier?
39:24
Der Brief sieht aus wie in einem schlechten Fernsehkrimi. Ausgeschnittene Silben und Worte, die auf einem DIN A4-Blatt geklebt sind. Und er liest sich so.
39:36
Wir haben Ihre Tochter entführt. Wenn Sie Ihre Töchter jemals lebend wiedersehen wollen, zahlen Sie 2 Millionen Mark Lösegeld. Wo und wie das Geld übergeben werden sollte, wurde in einer späteren Zeit in einer Brief- oder Telefonisch mitgeteilt. Wir werden Ihnen am Donnerstag anrufen an diese Telefonnummer 389. Wir werden uns mit Pfeifton melden. Sagen Sie nur so viel, Sie zahlen oder Sie zahlen nicht. Wenn Sie die Polizei in das Fall einschalten oder wenn Sie nicht zahlen, wir werden dem Entführter töten.
40:05
Es sind mehrere Sachen in diesem Erpresserschreiben eigenartig. Einmal die Sache mit dem Geld. Die Erpresser wollen ja zwei Millionen Mark. Vielleicht denken sie, reiche Gegend, reiche Leute. Es ist bekannt, dass am Ammersee so einige Millionäre in prachtvollen Villen wohnen.
40:25
Aber die Familie Hermann gehört nicht dazu. Und das ziemlich offensichtlich. Der Vater ist Lehrer, die Mutter Hausfrau. Es gibt laut den Ermittlungen eine kleine Erbschaft. Und das war's. Woher sollen sie 2 Millionen Mark nehmen?
40:42
Aber sie besprechen sich jetzt mit der Polizei und willigen ein.
40:47
Und dann kam am Montag ein zweites Erpresserschreiben, was in dem ersten auch schon angekündigt wurde, wo dann eben drin stand, dass wir bereit sind, die Summe zu bezahlen, also dass man jetzt weitermachen kann sozusagen. Und jetzt müssen wir abwarten, weil jetzt wollen sie uns dann irgendwann anrufen und dann erklären, wo dann die Lösegeldübergabe sein soll.
41:11
Sie haben Ihre Zählungsbereitschaft am Telefon mitgeteilt. Das Geldübergabe könnte nur mit einer gelbfarbigen Fiat X100 stattfinden. Halten Sie das Geld in einer Koffer bereit. Wir werden Sie anrufen. Nach unserem Telefonanruf fahren Sie mit Ihren Wagen und mit das Geld sofort los. Wir werden am Telefon genau sagen, wohin fahren Sie. Wir werden Sie von mehreren Stellen beobachten. Nochmal, keine Polizei.
41:36
Was die Hermanns so irritiert, ist, dass auch im zweiten Brief kaum Anweisungen drinstehen, was die Familie jetzt genau machen soll. Okay, die Übergabe darf nur in einem gelben Fiat 600 stattfinden. Warum es genau ein gelber Fiat sein muss, weiß keiner. Das wollen die Entführer per Telefon mitteilen. Und dieser Anruf kommt dann um die Mittagszeit.
42:04
Ursulas Mutter hebt ab und sagt, dass das Geld da ist, dass sie bereit sind, die volle Summe zu bezahlen. Aber keine Reaktion. Keine Uhrzeit, keine Wegbeschreibung, kein Übergabeort. Nur das Rauschen der offenen Leitung. Der Anrufer legt wortlos auf.
42:28
Einen Tag später, am siebten Tag nach dem Verschwinden, kommt noch ein weiterer Anruf. Ursulas Vater hebt ab. Wieder keine weitere Erklärung zur Geldübergabe. Wie immer nur schweigen. Der Vater bittet den unbekannten Anrufer, ihm ein Lebenszeichen von seiner Tochter zu geben.
42:49
Als tiefgläubiger Christ betet Ursulas Vater jetzt ein Vaterunser in die dröhnende Stille hinein. Schließlich sagt er noch, ich vergebe ihn und Gott verzeihe ihn. Aber wieder ist er auf der anderen Seite nur Stille. Der Anrufer legt einfach wieder auf.
43:11
Und auf jeden Fall hat niemand mehr angerufen. Also das heißt, es ist dann einfach im Sand verlaufen und man wusste nicht, ist das jetzt eine Erpressung oder ist das ein Fehlversuch oder was passiert hier überhaupt? Wir wurden dann und auch natürlich die Polizei und auch die Öffentlichkeit, die ja da mitgefiebert hat, da im Ungewissen gelassen. In so einer Situation malt man sich dann natürlich aus, gut, dann ist meine Schwester oder ist unser Kind, meine Eltern waren ja diejenigen, die das meiste Leid hatten, ist vielleicht entführt worden ins Ausland, irgendwie so, also weggebracht worden und dann kommt vielleicht von da irgendwie dann ein Schreiben oder so und dann müssen wir ins Ausland fahren.
43:56
Wir hatten auf jeden Fall Hoffnung bis zum Schluss, weil wir hatten ja auch keinerlei Indiz, dass ein Gewaltverbrechen stattgefunden hat. Es gab nur diese Tatsache, da will jemand eine Erpressung machen, das Kind ist entführt worden und mehr gab es da nicht.
44:18
Am Sonntag, den 4. Oktober 1981, 19 Tage nach Ursulas Verschwinden, ist die Familie Herrmann in der Kirche. Es ist etwa halb zehn am Morgen. Zur gleichen Zeit stapft ein Polizist durch den Wald am Weingarten und stößt auf eine merkwürdige Anordnung junger Fichten.
44:40
Sie stehen fast kreisförmig und scheinen extra dahin gepflanzt worden zu sein. Der Polizist geht weiter und sieht in der Mitte der Fichten eine kleine Bodenerhebung. Er streicht etwas Erde und Blätter weg, die auf einem Stück Stoff liegen, und entdeckt darunter ein Brett. Ein Deckel mit mehreren Riegeln. Vielleicht ein Munitionsversteck von Wilderern, vermutet der Polizist.
45:12
Er greift an das kühle Holz und schiebt den schweren Deckel zur Seite. Aber da sind keine Gewehre, keine Kisten voller Munition. Da ist ein Mädchen. Kein Atmen, keine Bewegung. Ursula sitzt im Staub der Kiste, als würde sie nur schlafen. Ihre Augen sind sanft geschlossen. Das Schlimmste hat sich damit bestätigt. Ursula ist tot.
45:42
Als die Familie Hermann aus dem Gottesdienst kommt, werden sie schon von der Polizei erwartet.
45:48
Ich weiß nicht, ob wir es wussten, aber es kann doch sein, dass meine Eltern es wussten, der Weingarten wurde nochmal untersucht, in vier Viertel eingeteilt und im vierten Viertel, also am vierten Tag, das war der 4. Oktober damals, wurde dann der Fund gemacht, also der Vergrabungsort wurde dann entdeckt und das war am Sonntag und dann kamen halt die Kriminalbeamten und haben uns die Mitteilung gemacht. Und da hat bei mir dann wieder sozusagen der Nebel begonnen.
46:12
Der einzige Trost für die Familie ist das Wissen, dass Ursula wohl keine Schmerzen hatte. Es gab keine Zeichen für Verletzungen. Der Rechtsmediziner kommt zu dem Schluss, dass Ursula höchstens fünf Stunden in der Kiste gefangen war, bis sie gestorben ist.
46:29
Die Todesursache war laut Ermittlungsakte der Sauerstoffmangel. Das Rohrsystem war teils durch Herbstlaub verstopft, weshalb kein Luftaustausch möglich war. Etwa 30 Minuten bis 5 Stunden nachdem Ursula in die Kiste gesperrt wurde, ist sie erstickt.
46:59
Was ist da passiert? Wer tut sowas? Was für ein Mensch würde ein unschuldiges Mädchen entführen und in einer Kiste im Wald vergraben? Was für ein Mensch würde eine riesige Summe von einer Familie erpressen wollen, die kein Geld hat?
47:14
Und als feststeht, dass die Familie das Geld doch zusammengekratzt hat und kooperieren will, folgt aber keine Anweisung, wie man nun das Geld übergeben kann. Man lässt den Kontakt einfach auslaufen und das Mädchen am Ende einfach sterben. Oder war genau das die Absicht? Wir haben uns dazu mit dem Kriminalpolizisten und Entführungsexperten Wolfgang Benz unterhalten. Er war lange bei einer Spezialeinheit der Hamburger Kriminalpolizei, die sich mit Entführung, Erpressung und Geiselnahmen auseinandersetzt.
47:47
Auch mit dem Fall Ursula Herrmann.
47:50
Es ist zu vermuten, dass der oder die Täter sicherlich ein gehöriges Maß an krimineller Energie haben, aber keine, wenn ich das mal so sagen darf, wirkliche Erfahrung in der Begehung von schweren Straftaten gehabt haben. Die Täter haben sich einen aus ihrer Sicht guten Ablauf vorgestellt und der ist dann mit der Realität konfrontiert worden. Und dann passte das mit einmal nicht mehr richtig gut. Das ist das, was man zumindest intensiv als Hypothese nach vorne stellen kann und zu sagen, die haben so viel falsch gemacht und haben nachher kalte Füße gekonnt und haben versucht zu retten, was zu retten ist.
48:29
Zu einer erfolgreichen Entführung gehört wahnsinnig viel Planung, erklärt Benz. Man muss sich im Ort auskennen, den Alltag des Opfers recherchieren und Entscheidungen treffen, wo und wann das Opfer am einfachsten abzugreifen ist. Und wenn man das Opfer hat, muss man es auch noch unter Kontrolle halten.
48:50
Dann muss es so etwas wie die Fähigkeit zu einer Tatplanung geben, die die Aussicht hat auf Erfolg. Und das ist jetzt wesentlich komplexer, als man das vielleicht so denkt, weil man darf ja an verschiedenen Schritten nicht entdeckt werden und am Ende bleibt immer die größte Herausforderung, wie komme ich denn jetzt sicher an das Geld, was Motivation von allem ist, wo bringe ich das Opfer unter und so weiter. Das sind sicherlich Themenstellungen und dann kommen noch Ortskenntnisse dazu oder je nach Tatbegehung Vorbereitungshandlung.
49:22
Ich muss etwas anbieten, um dieses Entführungsopfer aufzubewahren. Ich muss dafür sorgen, dass das Opfer etwas zu essen und zu trinken geht. Und all diese Planungen, das ist durchaus auch etwas, was...
49:38
nicht trivial ist. Und es darf immer nie zu Rückschlüssen ja zu mir führen als Täter. Also insofern ist das schon eine komplexe, relativ komplexe Tat.
49:47
Die Kiste war aufwendig gebaut, darin war außerdem Proviant und eine Belüftungsvorrichtung, ein Jogginganzug, zwei Decken, selbst an sowas wie Unterhaltung hat man mit den Comicheften und der kleinen Leselampe gedacht. Das wäre nicht nur ein Indiz, dass Ursula überleben sollte, sondern dass man viel überlegt hat, wie man es ihr auch noch halbwegs bequem machen kann. Aber Wolfgang Benz bewertet das anders.
50:15
Also ich würde nicht sagen, dass das Zitat sehr gut vorbereitet war, sondern ich glaube, dass er das Zitat mäßig bis schlecht vorbereitet war. Scheinbar war sie gut vorbereitet, mit vielen, vielen Details, aber diese Detailtiefe machen am Ende keinen wirklichen Sinn und zeigen keinen wirklich guten Tatplan. Die Kiste ist kein guter Ort, um ein Lebenszeichen zu holen, um zu gucken, ob es dem Kind gut geht. Und auch um das Kind ruhig zu halten und auch um irgendwie relativ gut die Möglichkeit zu haben, nachzugucken, ist alles aus Sicht des Täters in Ordnung.
50:53
Also man hätte ja auch rein theoretisch irgendwo eine Hütte im Wald oder irgendein Keller oder sonst was finden könnte. Vielleicht gab es das auch nicht. Aber der Aufwand, der in dieser Kiste betrieben wurde, steht letztlich in keinem Verhältnis zum wirklichen Nutzen.
51:08
Während einige Experten den Inhalt der Kiste, also dem Proviant oder die Decken, so auslegen, dass Ursula letztlich überleben sollte, erklärt Benz, dass einiges um die Kiste herum für genau das Gegenteil sprechen könnte.
51:23
Und deswegen bleibt ja auch am Ende unklar, sollte das Mädchen sterben oder nicht. Und dafür, dass es sterben sollte, spricht dieser Aufwand bei der Kiste. Das, was alles vorher gemacht wurde, wird in dem Moment, in dem man die Kiste aufmacht, alles zerstört. Der Rasen ist weg, das ganze Verdeckte ist weg, die Fichten ist weg und sonst was. Das muss ich wieder zumachen, muss ich wieder genauso hinpacken. So ist es auch gemacht worden. Und jedes Mal, wenn ich gucken muss, ob das Kind noch lebt, muss ich alles wieder zurück und aufmachen. Ein irre Aufwand.
51:53
Ein weiteres Merkmal, dass Wolfgang Bens komisch vorkommt, ist die Sache mit den Erpresserbriefen. Also nicht unbedingt, dass die krimimäßig mit geklebten Schnipseln geschrieben wurden, sondern wann der erste Brief ankam.
52:04
Fragwürdig ist tatsächlich die Situation, dass der Brief drei Tage später angekommen ist. Oder noch viel präziser, warum ist der eigentlich drei Tage später angekommen? Vom Grundsatz her sollte es relativ einfach sein. Der Täter hat kein Interesse daran, das Opfer möglichst lange aufzubewahren, zu verpflegen und zu bewachen. Das heißt, es gibt eigentlich keinen Grund, zwischen dem Abgreifen und der Täterforderung drei Tage laufen zu lassen. Das nähert natürlich immer so ein bisschen die Hypothese, dass das falsche Kind weggenommen wurde.
52:35
Wolfgang Benz macht hier eine interessante Frage auf. Nämlich nicht nur die, um welche die Ermittler ständig gekreist sind. Wer ist der wahre Täter? Sondern die Frage, sollte Ursula überhaupt das Opfer sein?
52:57
Auch die Autorin Christa von Bernuth stellt diese Hypothese in den Raum, dass Ursula, so schlimm es klingt, ein versehentliches Opfer gewesen sein könnte. Ich habe mir die Gegend ja angeguckt. Und wie gesagt, in der Gegend wohnten auch damals so einige Millionärsfamilien.
53:15
Aber die Hermanns hatten ja nicht viel Geld. Dazu musste man nicht ins Sparkonto schauen, man saß ja schon am Haus. Die Erpresser forderten ja im Brief, keine Polizei. Und eine reiche Familie hätte das ja theoretisch auch einhalten können, weil sie nicht auf staatliche Hilfe angewiesen wäre, um das Lösegeld zu stemmen.
53:35
Vielleicht sollte also gar nicht Ursula gekidnappt werden. Vielleicht wurde sie verwechselt. Das vermutet eine alte Freundin von Christa, die ebenfalls am Ammersee aufgewachsen ist. Diese Freundin glaubt, dass das eigentliche Opfer ihr eigener Bruder hätte sein sollen, erzählt sie Christa.
53:57
Weil die beiden waren tatsächlich phänotypisch sehr ähnlich. Also Ursula hatte zu dem Zeitpunkt, als sie entführt wurde, kurze Haare. Er hatte vorher lange Haare. Also das Foto, das durch die ganzen Kassetten kursiert hat, ist falsch. Er hatte kurze Haare wie ein Junge. Und dieser Junge eben auch. Und die waren beide sehr schmal im selben Alter. Beide sehr schmal und blond. Und die konnte man ohne weiteres verwechseln. Und die Schulfreundin hat mir gesagt, also bei denen hätte sich das wirklich gelohnt. Da war sozusagen wirklich genug Geld da.
54:28
Sollte also ein ganz anderes Kind entführt werden? Sollte nie Ursula unter der Erde liegen, sondern ein Junge aus reichem Elternhaus? Vielleicht genau dieser Junge, von dem Christa von ihrer Freundin erfährt, dass er ebenfalls öfters mit dem Fahrrad durch den Weingarten gefahren ist.
54:47
Aber das sind alles Vermutungen und Spekulationen, wie so vieles in diesem Fall. Klarheit würden nur Beweise bringen. Aber die zu finden ist nochmal ein ganz anderes Unterfangen. Denn was nach dem Fund der Kiste passiert, wird der leitende Oberstaatsanwalt später als Spurenvernichtungskommando bezeichnen.
55:08
Es fängt damit an, dass ein Ermittler direkt in die Kiste steigt, um Ursula händisch herauszuheben. Dann wurde die Kiste gesichert. Wie unprofessionell diese Spurensicherung abgelaufen zu sein scheint, zeigt ein Vermerk des Bayerischen LKA von 1988.
55:26
Herr W. gab an, der damalige Bürgermeister Herr H. habe einen Kasten Bier besorgt, da es am Tag der Ausgrabung sehr heiß gewesen sei. Getrunken habe jeder an der Ausgrabung Beteiligte eine halbe, eventuell auch zwei. An der Ausgrabung seien vier Männer der Freiwilligen Feuerwehr Eching, zwei Kriminalbeamte und zwei Zeitungssupporter beteiligt gewesen. Auch der Bürgermeister dürfte eine halbe getrunken haben.
55:53
Auf Frage erklärte Herr W., dass die Kronkorken teilweise am Ausgrabungsort weggeworfen wurden. Insgesamt dürfte seiner Erinnerung nach gut ein halber Kasten Bier getrunken worden sein.
56:05
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was mich fassungsloser macht. Dass bei der Bergung der Kiste echt zwei Zeitungsreporter mit dabei waren, nicht als Zuschauer, sondern als Helfer. Oder dass die ganze Truppe Bier getrunken hat und die Kronkorken einfach an einem Tatort liegen lässt.
56:23
Am Ende weiß niemand, wie viele Spuren es tatsächlich hätte geben können. Denn von nun an stürmt eine Horde von Journalisten und Schaulustigen heran und verunreinigt die ganze Umgebung des Tatorts. Was die Spurensicherung findet, sind allenfalls Reste. Ein Fingerabdruck am Klebeband der Kiste, ein schwarz gefärbtes Frauenhaar und ein paar Tierhaare.
56:49
Trotzdem dauert es gar nicht so lang, bis ein erster konkreter Hinweis kommt, mit dem die Ermittler nicht gerechnet haben.
57:05
Nur wenige Tage nach dem Auffinden von Ursulas Leiche meldet sich ein Mann beim LKA. Bis heute ist nicht bekannt geworden, wer dieser Mann war. Aber er nennt einen Namen. Werner Mazurek. Ein Name, der auch Michael Herrmann damals schon bekannt vorkommt.
57:23
Der Name Mazurek war für uns damals Anfang der 80er schon bekannt. Also im Dorf kannte man den und natürlich ging im Dorf dann auch das Gericht, Mensch, wenn der das war, schrecklich und so weiter. Und wir kannten den auch, aber wir waren jetzt keine Nachbarn. Es wurde ja oft in der Presse gesagt, wir wären Nachbarn gewesen, aber der hat 600 Meter von uns entfernt gewohnt und wir kannten uns nicht. Man kannte sich halt so weit, man sich im Dorf kennt.
57:50
Werner Mazurek ist Fernsehtechniker und repariert in seiner Werkstatt Elektrogeräte. Die Polizei vermutet durch die Konstruktion der Kiste E, dass der Täter technisch versiert ist und auch über eine gut ausgerüstete Hobbywerkstatt verfügen muss. Beides trifft bei Mazurek zu. Außerdem sind da ziemlich interessante Gerüchte im Umlauf.
58:13
Zum Beispiel, dass er hoch verschuldet ist und einmal in einem Lokal herum erzählt hätte, man bräuchte bloß zwei Millionen Mark, um sozusagen aus dem Gröbsten raus zu sein. Zwei Millionen Mark. Genau diese Summe hatten die Entführer ja gefordert. Aber nicht nur das finden die Ermittler eigenartig. Sie vermuten, dass Mazurek Ursula gekannt haben könnte.
58:38
Seine Frau habe bei den Hermanns geputzt und seine Tochter soll sogar mit Ursula gespielt haben. Werner Mazurek habe das aber bestritten, dass er das Mädchen gekannt hat. Auch Michael Hermann erzählt, das sei ein Missverständnis.
58:53
Es ist zwar so, dass die Ex-Frau, die war schon damals nicht mehr seine Frau, die hatte sieben Jahre vorher bei uns geputzt. Und daraus wurde in der Presse oft konstruiert. Und das Gericht hat es leider auch gemacht, dass es eine Bekanntschaft gegeben hätte zwischen den Familien. Aber es war nicht der Fall.
59:14
Einer, der auch mit Kindern gar nicht so umgehen konnte. Der hat die Erziehung seiner eigenen Kinder auch seiner Frau überlassen und der hatte keinerlei Kontakt zu irgendwelchen familiären Ideen, also dass man mit der Familie irgendwie die Freizeit gestaltet. Das war überhaupt nicht sein Ding und von daher kannte der auch meine Schwester überhaupt nicht.
59:34
Als die Polizei Werner Manzurek befragt, kommt sein Alibi zögerlich. Erst meint er, er habe keins. Dann erklärt er, er habe an dem Abend mit zwei Freunden Risiko gespielt. Die Freunde wiederum erinnern sich nicht genau, ob der Spieleabend wirklich der 15. September war oder doch ein anderer Tag. Und dann geht alles sehr schnell.
59:58
Werner Mazurek kommt in Untersuchungshaft. Sein Haus wird durchsucht, die Werkstatt auf links gedreht. Die Beamten finden ein halbfertiges Holzboot, an dem Mazurek gearbeitet hat. Aber keine Späne oder Holzstaub, die mit dem Holz der Kiste oder der Abdeckhaube übereinstimmen.
60:17
Seine ganze Familie wird verhört und ihre Fingerabdrücke dokumentiert. Aber keiner der Fingerabdrücke entspricht dem auf der Kiste. Auch die Hausdurchsuchung ergibt nichts, was Matsurek mit dem Verbrechen in Verbindung bringen könnte. Die Spur verläuft im Nichts.
60:40
Immerhin verfolgen die Ermittler parallel noch eine weitere Spur. Der Weingartenweg ist ja den Anwohnern gut bekannt, aber mit dem Wald, wo die Kiste vergraben lag, ist das eine ganz andere Sache. In den 80ern gibt es dort ein System von Trampelfaden. Einige dieser rudimentären Pfade sollen kurz vor der Tat erst freigeschnitten worden sein, also befreit von Gestrüpp und Gebüsch, um einen Weg zu schlagen.
61:08
Wer immer Ursula entführt hat, muss sich gut im Wald ausgekannt haben. Die Polizei hatte einen Mann im Blick, auf den das zutrifft. Und er stammt sozusagen aus den eigenen Reihen. Ein ehemaliger Polizist namens Harald Willem. Auch Michael Herrmann hält diese Spur für plausibel.
61:27
Da habe ich gedacht, Tatgelegenheit ist für den natürlich schon gut, wenn der im Wald dort immer wieder mal die Ansitzjagd macht. Dann kennt er den Weingarten bestimmt auch ganz gut. Auch wenn er, ich wusste jetzt von den Akten, dass er Ansitzjagd hauptsächlich macht, also dass er nicht viel im Wald rumläuft. Aber wer weiß schon, was der genau macht. Vielleicht läuft er doch rum und deswegen die Tatgelegenheit wäre bei ihm eher gegeben gewesen.
61:50
Harald W. ist Jagdhelfer und kennt den Wald in- und auswendig. Er kommt in den Fokus der Ermittler als ein Zeuge aussagt, er habe W.'s Fortransit am Tag des Verschwindens in der Nähe des Tatorts gesehen. W. habe sich auch verdächtig verhalten, als es darum geht, die Ermittler zu unterstützen.
62:08
Bei einer Tatortbegehung habe er angefangen zu zittern und zu schwitzen. Das wurde von den Beamten wiederum so gedeutet, dieser Ort würde etwas mit ihm machen. Bei einem Gespräch, das Harald W. mit seinem Bruder führt und das die Polizei abhört, spricht er über einen Kistenbauer.
62:25
Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Draht. Im Wald wurde ja ein 140 cm langer sogenannter Klingeldraht gefunden. mit dem der Täter möglicherweise mit einem Komplizen still über Signale oder Lämpchen kommunizieren konnte. Der wurde anscheinend auf eine ganz spezielle Weise verdrillt, wie es nur in der Funkabteilung der Bereitschaftspolizei gelehrt wurde. Genau die Abteilung, wo Harald W. gearbeitet hat.
62:55
Seine Laufbahn zeigte auch, dass Harald B. kein heldenhafter Polizist war. Er hat im Dienst Obdachlose verprügelt und wurde wegen Körperverletzung im Amt bestraft. In den 70er Jahren wurde er angeschossen und so schwer verletzt, dass er verbittert aus dem Dienst ausscheiden musste. Er stand auch mal unter Verdacht, seine Geliebte umgebracht zu haben.
63:20
Sie wurde 1970 unter einer Brücke gefunden, mit gebrochenem Genick, 30 Messerstichen und verstümmelten Genitalien. Die Ermittlungen gegen Harald W. wurden dann mangels Beweisen eingestellt. Der Mörder der Geliebten ist bis heute nicht gefunden.
63:41
Aber auch das sind nur Indizien, die sich nicht erhärten. Fünf Jahre ermittelt die Polizei gegen Harald W., ohne belastende Beweise zu finden, bis die Ermittlungen 1989 eingestellt werden.
64:04
Es ist ein fieser Stachel im Fleisch der Ermittler. Werner Mazurek zieht nach Norddeutschland und der Ex-Polizist Harald W. ertränkt seine Sorgen mit Alkohol, bis er 1995 daran stirbt. Die Ermittlungen werden in aller Stille Anfang der 90er eingestellt. Und so still geht es viele Jahre weiter. Die Familie Herrmann hat sich schon Jahre davor damit arrangiert, dass das Verbrechen möglicherweise nie aufgeklärt wird.
64:32
Wir haben das Geschehen, dass es ein Verbrechen ist, das haben wir ausgeklammert. Den Tod selbst haben wir nicht ausgeklammert. Also das heißt, mit dem Tod der Schwester oder meine Eltern mit dem Tod ihrer Tochter umzugehen, war auf jeden Fall schon ein Thema. Aber für uns war das eher so in die Richtung gehend, so wie andere Familien ein Kind verloren haben, vielleicht bei einem Unfall oder in einem Krieg oder durch sonstige Einwirkungen, haben wir auch ein Kind verloren. Das Thema Verbrechen war nicht so im Vordergrund gestanden, sondern mehr das Thema Verlust.
65:05
Sie haben diese Tat auch nicht wirklich als Verbrechen verarbeitet. Auch, weil es niemanden gab, dem man die Schuld geben kann. Für die Hermanns war das in gewisser Weise hilfreich.
65:17
Ich glaube nicht, dass es belastend war. Es war sogar eher entlastend. Also das heißt, die Tatsache, dass wir das Geschehen ist fast schon wie eine Art Unfall betrachtet haben, war eher eine Entlastung, weil wir ja dann keinen Täter hatten, mit dem man sich dann extra konfrontieren musste.
65:36
Es wird noch drei ganze Jahrzehnte dauern, bis doch noch etwas passiert. Etwas, mit dem vielleicht niemand mehr gerechnet hat. Sicher nicht die Familie Herrmann. Denn dann präsentieren die Behörden einen Täter.
65:51
Das erste Gefühl war, endlich haben sie das Schwein.
65:55
Auch wenn sich die Polizei sehr siegessicher zeigt, dass sie mit diesem Mann den wahren Entführer von Ursula gefunden haben, gibt es Zweifel. Auch bei Michael Herrmann. Aber ich will nicht vorgreifen.
66:10
Perfekt. Genau, ich würde mich einfach hier hinsetzen. Da haben wir es nämlich. Was? Was?
66:19
Ich sitze gerade auf einer Mauer, wieder am Ammersee, und blinzel auf mein Handy. Die Sonne strahlt so hell, dass ich nur mit Mühe erkennen kann, dass es gleich 14 Uhr ist. Ein Steg führt hinaus aufs Wasser, dahinter die Alpenkette im Dunst. Nur wenige Spaziergänger sind unterwegs. Keine 15 Minuten von hier entfernt liegt das Waldstück, in dem Ursula damals gefunden wurde.
66:47
Ich bin etwas nervös. Hier treffe ich gleich jemanden, bei dem ich noch nicht ganz weiß, wie ich mit ihm umgehen soll. Von Weitem sehe ich einen Mann im Rollstuhl und daneben eine Frau, die auf uns zukommt. Sie kommen pünktlich zum verabredeten Treffpunkt.
67:05
Kann man sich ein bisschen nach hinten rückwärts einlegen?
67:15
Ja, perfekt. Sogar noch ein bisschen geht auch. Dann gehe ich so zur Seite. Perfekt. Dann haben wir nämlich schön die gleiche Höhe. Der Weg war ein bisschen holprig bis zu diesem Moment. Aber jetzt sitze ich dem Mann gegenüber, der am Ende für die Tat verhaftet und verurteilt wurde. Werner Magzurek.
67:40
Weil Herrmann ist Justizverbrechen. Das ist mit Vorsatz. Das kann jeder hören.
67:45
Es kam mir schon vor wie ein großes Spektakel, wo die Staatsanwaltschaft einfach sehr klar machen wollte, wir haben die... Entweder Mazzarek war es das oder es ist eine, und das gibt es in der Kriminalgeschichte immer wieder, nicht aufgeklärte Tat.
68:07
Das war die erste Folge von Tiefe Spuren. Unter der Erde. Eine Produktion von Of X Productions. Host Lin Schütze und Leonie Bartsch.
68:16
Skript Marvin Kuh. Recherche Christa von Bernuth, Leonie Bartsch. Alexander Rosanas, Marvin Kuh, Lin Schütze. Redaktion Antonia Fischer. Mitarbeit Anna Busse.
68:28
Audio-Produktion Alexander Husanas. Nächste Woche geht's weiter mit Folge 2 von Tiefe Spuren. Weitere Fotos und Hintergrundinfos zum Fall findet ihr auf unseren Social-Media-Kanälen unter modofx-podcast. Und wir freuen uns, wenn ihr diesen Podcast bewertet und empfehlt.